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Opinion

Das Ende des Kapitalismus - was nun?

07 March 2012

Klaus Schwab ist Gründer und Executive Chairman des World Economic Forum (WEF)

Freiheit ermöglicht zweifellos grösstmögliche Entfaltungskraft. Um diese Entfaltungskraft in fairer Weise zu gewährleisten, braucht es aber bessere Regelungs- und Sicherungssysteme – vor allem für Kapitalmärkte.

Am diesjährigen Jahrestreffen des World Economic Forum (WEF) in Davos wurde intensiv über die Zukunft des  apitalismus diskutiert. Ob der Kapitalismus mit seinen offensichtlichen Auswüchsen und Exzessen noch in unsere heutige Welt passt, fragten sich viele der Teilnehmer. Und in nicht wenigen Medienberichten wurde gar darüber spekuliert, ob der Kapitalismus in Davos bereits zu Grabe getragen worden sei, wenn schon die Manager und Banker an der Zukunft des Systems zweifelten. Nun mögen die Berichte über das unmittelbar bevorstehende Ende des Kapitalismus etwas übertrieben sein. Richtig ist: InDavos ist die Ideologie einer freien, aber sozial verpflichteten und fair regulierten Marktwirtschaft nie infrage gestellt worden. Sehr wohl wurde allerdings gefragt, ob der Kapitalismus in seiner jetzigen Form der freien Marktwirtschaft dient oder ob er sie untergräbt.

Ideologie und Begrifflichkeiten

Hier gilt es genau zu unterscheiden zwischen der Ideologie einer auf Selbstverantwortung bauenden sozialen Marktwirtschaft einerseits und dem Begriff Kapitalismus als solchem andererseits. Es gab im Verlauf der letzten 200 Jahre eine Reihe verschiedener Interpretationen zum Kapitalismus, der als Reaktion auf die Industrialisierung geboren wurde. Historisch gesehen erforderte der Übergang vom Handwerk zur Maschine Investitionen in immer grösserem Ausmass – und damit die Bereitstellung von Kapital. In diesem Sinne ist der Kapitalismus keine Ideologie, sondern eine angewandte Lehre von der Schaffung und dem effizienten Einsatz des Produktionsfaktors Kapital. Kapitalismus im eigentlichen Sinn ist also die auf den Kapitalmarkt bezogene Komponente eines Wirtschaftssystems, integriert in den Grundsätzen der Freiheit des Marktes und der Garantie des Eigentums. Diese Grundsätze allerdings sind Teil einer viel umfassenderen und übergreifenden Ideologie. Leider ist im heutigen Sprachgebrauch diese liberale Ideologie mit der technischen Komponente «Kapitalismus» gleichgesetzt worden. So entsteht leicht der Eindruck, dass das auf individueller Freiheit und gleichzeitiger sozialer Verantwortung aufbauende liberale Wirtschaftssystem für die Exzesse des aus dem Gleichgewicht geratenen Kapitalismus verantwortlich ist. Das ist natürlich unzutreffend. In Davos wurde also nicht etwa das Ende des Kapitalismus als Ideologie diskutiert, sondern die Frage, wie die Bereiche der technischen Komponente Kapitalismus – die aus den Fugen greaten sind – reformiert werden können.

Einer der Kritikpunkte am Kapitalismus bezieht sich auf die zunehmende Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern des sogenannten «Turbokapitalismus », bedingt durch den globalenWettbewerb. Hier lehrt uns das sogenannte nordische Modell, dass sich hohe Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt und soziale Sicherungssysteme nicht ausschliessen müssen – sie lassen sich sogar sehr gut miteinander verbinden. Eine solche Wirtschaftspolitik erlaubt es Ländern, in Innovation, Erziehungswesen sowie Ausbildung zu investieren. Die skandinavischen Länder, die in den neunziger Jahren eine ähnliche Bankenkrise durchliefen, wie wir sie heute in anderen westlichenVolkswirtschaften erleben, haben gezeigt, dass durch eine Reform der Regelungs- und Sicherungssysteme flexible Arbeits- und Kapitalmärkte mit sozialer  erantwortung durchaus vereinbar sind. Es ist also kein Zufall, dass diese Länder heute zu den global wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften gehören.

 Andere ernstzunehmende Ansatzpunkte der Kritik am Kapitalismus sind überzogene Boni, überbordende, alternative Finanzinstrumente und das aus dem Gleichgewicht geratene Verhältnis zwischen Finanzwirtschaft und  ealwirtschaft. Wirsehen aber auf diesen Gebieten gewisse Fortschritte durch zunehmenden Druck der Öffentlichkeit, der Regierungen und auch des Marktes. Auch wenn der Kapitalismus also in Davos nicht zu Grabe getragen worden ist, so ist doch festzuhalten: Das Kapital verliert seine Rolle als wichtigster Produktionsfaktor in unserem Wirtschaftssystem. Kapital wird von Kreativität und Innovationskraft – also von menschlichen Talenten – als wichtigsten Produktionsfaktoren abgelöst.

Wenn Talent zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor wird, dann kann man durchaus feststellen, dass der Kapitalismus durch den «Talentismus » ersetzt wird. So, wie während der Industrialisierung das Kapital das Handwerk ersetzte, löst heute menschliches Talent das Kapital ab. Ich bin überzeugt, dass dieser Transformationsprozess auch zu neuen Ansätzen in der Wirtschaftslehre führen wird.

Freiheit und Entfaltung

Es ist unbestritten, dass die auf individueller Freiheit und gesellschaftlicherVerantwortung bauende Ideologie diejenige ist, die dem Einzelnen, aber auch der Wirtschaft die grösstmögliche Entfaltungskraft erlaubt. Um diese Entfaltungskraft in fairerWeise zu gewährleisten, braucht es aber bessere Regelungs- und Sicherungssysteme – vor allem für Kapitalmärkte –, die heute gleichzeitig eine globale Koordination erfordern.

Der Kapitalismus ist gefordert, die notwendigen Anpassungen vorzunehmen, um weiterhin ein wichtiger Pfeiler unseres liberalen Wirtschaftssystems zu bleiben. Aber auch, um sich den heutigen Umständen anzupassen und der sozial verantwortlichen Marktwirtschaft zu dienen – und nicht umgekehrt.

This article appeared in Neuer Zürcher Zeitung